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Mordanschlag auf Halit Yozgat jährt sich zum zehnten Mal

Posted: April 6th, 2016 | Author: | Filed under: Allgemein | No Comments »
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(c) privat, Ansteckflyer der Initiative 6. April zur Gedenkfeier 2015

Am 06. April jährt sich der rassistische Mordanschlag durch auf Halit Yozgat in der Kasseler Nordstadt zum zehnten Mal.

„Wir gedenken Halit Yozgat.

Heute vor 10 Jahren, am 6. April 2006, wurde Halit Yozgat in Kassel vom NSU ermordet. Er kam am 6. Februar 1985 im selben Haus in der Holländischen Straße zur Welt, in der er später das Internetcafé betrieb, wo er erschossen wurde. Halit Yozgat hatte vier Schwestern und besuchte neben der Arbeit das Abendgymnasium. Er starb im Internetcafé in den Armen seines Vater İsmail Yozgat, als dieser aus der Innenstadt zurück kam. Der Vater war nur kurz in Begleitung seiner Frau Ayşe mit dem Geld von ihr und Halit sich selbst ein Geschenk aussuchen gefahren, denn er hat am 7. April Geburtstag. „Bis zu meinem Tode wird mein Geburtstag nicht mehr gefeiert“, so der Vater. Halit wurde nur 21 Jahre alt. Er ist das neunte Opfer der rassistischen Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrundes“.

Für die Familie Yozgat folgten bis zur Selbstenttarnung des NSU fünfeinhalb lange Jahre der Verdächtigungen, Überwachung, Diskriminierung und der Suche nach dem Täter, nach Antworten. Im Mai 2006 organisierte die Famile Yozgat zusammen mit Freund_innen in Kassel einen Schweigemarsch mit der Forderung „Kein 10. Opfer!“ An ihm nahmen auch die Angehörigen von Enver Şimşek und Mehmet Kubaşık sowie circa 4.000 Menschen vor allem aus den migrantischen Communities teil. Die weiße deutsche Mehrheitsgesellschaft, auch der Großteil der Linken, nahm diese Demonstration nicht wahr und deren Forderung nach Aufklärung sowie den immer wieder geäußerten Verdacht der Angehörigen, dass es sich um eine rassistische Mordserie handeln könnte, nicht ernst.

İsmail Yozgat sagte am 1. Oktober 2013 vor dem OLG: „Alle haben uns feindlich angeschaut, sowohl die Deutschen als auch die Türken, alle haben uns schlecht angeschaut.“ Immer hätten die Leute gefragt, wer seinen Sohn getötet habe „wegen Haschisch, Heroin, Dönerserienmord oder Mafia“. Sie hätten sich nicht mehr nach draußen getraut. Dann fragte Yozgat: „Warum haben sie mein Lämmchen getötet?“ Er habe vom Internetcafé aus alle Freunde und Bekannten in Deutschland, Europa und der Türkei angerufen. Die Polizei habe alle diese Verwandten und Freunde vernommen mit schlechten Worten im Hinblick auf seine Familie: „Nicht einmal in der Türkei haben meine Verwandten mit mir gesprochen. Wir sind eine aufrichtige Familie.“ Er habe das nicht ertragen können.

Doch auch nach 2011 bleiben viele Fragen zu den Umständen und Hintergründen des Mordes an Halit Yozgat offen. Im Internetcafé war zum Tatzeitpunkt der Verfassungsschutz-Mitarbeiter Andreas Temme vor Ort. Seine Rolle ist trotz dutzender Verhöre und Befragungen ungeklärt. İsmail Yozgat vor dem OLG: „Dieser Mann, Herr Temme, lügt. Und wir wissen alle, dass dieser Mann lügt. Warum wollen wir die Wahrheit nicht sehen?“

Wir fordern weiterhin – mit den Familien und Angehörigen – die vollständige Aufklärung der Taten, des neonazistischen Unterstützungsumfeldes und die Aufklärung und Aufarbeitung des Institutionellen Rassismus und der Mitschuld der Behörden, insbesondere der Geheimdienste. …“

Quelle: www.facebook.com/nsuwatch